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Wie entsteht Sucht?

Sucht wird definiert als ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Gefühls-, Erlebnis- und Bewußtseinszustand.

Dieser veränderte Bewußtseinszustand kann zum Beispiel durch Alkohol, Drogen, Medikamente oder durch Suchtverhaltensweisen, wie zum Beispiel übermäßiges Essen, Hungern oder Arbeiten herbeigeführt und ausgedrückt werden. Dadurch verändert sich die Persönlichkeit nachhaltig. Süchtige Menschen verlieren ihre Fähigkeit, rational und bewußt zu entscheiden.

Ein Mensch wird nicht von der Droge abhängig, sondern von dem Gefühls-, Erlebnis- oder Bewußtseinszustand, der durch die Droge hervorgerufen wird.

Gründe für dieses unabweisbare Verlangen sind vielschichtig, allerdings sind drei Faktoren bei der Entstehung von Suchterkrankungen von grosser Bedeutung:

  1. Persönlichkeit (Mensch)
    Persönliche Einflußfaktoren sind zum Beispiel mangelnde Konfliktfähigkeit, instabiles
    Selbstwertgefühl, Störungen in der Beziehungsfähigkeit, geringe Frustrationstoleranz
    und vieles mehr.
  2. Droge (Mittel)
    Nicht jeder Mensch, dessen Persönlichkeit oben genannte Mängel aufweist, greift
    automatisch zur Droge. Es kommt auch auf die Griffnähe der Droge, ihrer Wirkung,
    Verträglichkeit und Dosis an.
  3. Gesellschaft (Milieu)
    Die Gesellschaft beeinflußt die Suchtentstehung durch die Akzeptanz einer Droge
    oder durch die Abgrenzung bestimmter Personengruppen, die nicht der Norm
    entsprechen. Aber auch gesellschaftliche Bedingungen im Zusammenleben (zum
    Beispiel soziale Konflikte, Verarmung etc.) können eine Suchterkrankung fördern.

Wie bedeutsam diese Faktoren bei einer Suchterkrankung sind, stellt sich für jeden Süchtigen anders dar. Sie stehen auf jeden Fall in Beziehung miteinander und man kann hier von einem
Suchtdreieck
sprechen.


 

Wie entsteht eine Abhängigkeit?

Hier soll zunächst zu einer Reihe von häufig geäußerten Vorurteilen über angebliche Ursachen von Abhängigkeit Stellung genommen werden.

a) Persönlichkeit
Es trifft nicht zu, dass Abhängige, wie häufig behauptet wird, besonders labile, willensschwache oder unbeherrschte Personen sind. Abhängigkeit ist keine Charakterfrage. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen hat immer wieder ergeben, dass es keine typische Persönlichkeit bei Alkoholikern oder Medikamentenabhängigen gibt, sondern dass es unter Abhängigen genauso viele unterschiedliche Menschen und Typen gibt wie unter Nichtabhängigen auch.


b) Vererbung
Die manchmal in den Medien sensationell verbreiteten Forschungsergebnisse über eine angebliche Erblichkeit von Alkoholismus beziehen sich in der Regel lediglich auf die tatsächlich angeborenen Unterschiede bezüglich der Alkoholverträglichkeit bzw. der Alkoholabbaukapazität der Leber. Neuerdings mehren sich darüber hinaus Hinweise auf angeborene Unterschiede bezüglich des Verhältnisses von angenehmer Hauptwirkung und unangenehmer Nebenwirkung von Alkohol im Gehirn. Hierbei erscheint insbesondere ein gewisser Erbfaktor bei männlichen Kindern von alkohol-abhängigen Vätern möglich. Damit diese Unterschiede aber bei der Entwicklung einer Abhängigkeit zum Tragen kommen können, mü6ten die Betroffenen zunächst über einen langen Zeitraum erhebliche Mengen an Alkohol trinken, und dieses Trinkverhalten ist eindeutig nicht erblich bestimmt. Dass trotzdem die Kinder von suchtmittelabhängigen Eltern statistisch gesehen häufiger selbst abhängig werden als andere Kinder, weist dagegen darauf hin, welche psychische Belastung das tägliche Zusammenleben mit einem Suchtkranken für die übrigen Familienmitglieder bedeuten kann.

c) Schwere Kindheit/Schicksalsschläge
Man kann aber auch nicht sagen, dass das Leben von Alkohol- und Medikamentenabhängigen vor Beginn ihrer Abhängigkeit zwangsläufig schwieriger oder unglücklicher verlaufen sein muss als bei anderen Menschen. Beispielsweise brachte ein Vergleich von Lebensläufen von Abhängigen und Nichtabhängigen keine eindeutigen Unterschiede zu Tage. Oft sind vielmehr die Probleme und Schicksalsschläge, die von Betroffenen und Angehörigen zur Erklärung der Abhängigkeit angeführt werden, bereits selbst Folgen der Abhängigkeitsentwicklung.

Der Fehler all dieser Ursachenvermutungen besteht in der prinzipiell falschen Vorstellung von einem plötzlichen Eintreten einer Abhängigkeit nach dem Motto: "Alles lief normal, dann kam die Ursache X und er wurde zum Alkoholiker."

In Wirklichkeit stellt aber, wie bereits mehrfach betont, die Entstehung einer Abhängigkeit eine schleichende, individuell verlaufende Entwicklung dar.

Ihr Zustandekommen wollen wir nun am Beispiel einer Modell-Eisenbahn erklären. Bei unserer Erklärung zur Entstehung von Sucht berufen wir uns auf das Erklärungsmodell von Lindermeyer der folgendes besagt:

" Sie sehen, dass der Zug darin auf eine Weiche zufährt an der er entweder geradeaus in einen Tunnel oder rechts an diesem vorbei fahren kann. Immer wenn der Zug in den Tunnel fährt, soll dies bedeuten, dass eine Person in einer bestimmten Situation Alkohol oder Medikamente zu sich nimmt. Immer wenn der Zug dagegen nach rechts abbiegt, soll dies bedeuten, dass die Person in dieser Situation keinen Alkohol oder Medikamente zu sich nimmt. An diesem Modell lassen sich nun die verschiedenen Schritte einer Abhängigkeitsentwicklung darstellen."

Abb. 1: Das erste Mal Neugier und die Nachahmung von Modellpersonen


1. "Das Erste Mal"

"Nehmen wir an, ein Jugendlicher, der noch nie in seinem Leben Alkohol getrunken hat, wird von seinen Freunden erstmals aufgefordert, am Wochenende in eine Diskothek zu gehen. Natürlich ist er etwas aufgeregt, vielleicht weiß er nicht so recht, wie er sich gegenüber Mädchen verhalten soll, vielleicht schämt er sich auch wegen seiner Pickel im Gesicht oder er ist kein geübter Tänzer. In unserem Modell heißt das, dass er mit seinem Zug zum ersten Mal vorsichtig auf die Weiche zufährt, ohne klare Vorstellung, wohin die Reise genau geht oder was ihn auf der Strecke so alles erwartet. Entsprechend versucht er, sich am Verhalten anderer zu orientieren. Nehmen wir nun an, seine Freunde schlagen ihm vor, in der Diskothek ein Bier zu trinken, das gehöre schließlich dazu, gebe Schwung und wirke äußerst männlich. Meist sind es nämlich persönliche Neugier und die Nachahmung von Modell-Personen, die einen das erste Mal Alkohol trinken, das heißt mit dem Zug in den Tunnel fahren lassen.
Mit großer Wahrscheinlichkeit wird diese erste Fahrt in den Tunnel für unseren Jugendlichen positiv verlaufen: Der Alkohol wird seine Aufregung etwas dämpfen, er wird sich irgendwie erwachsen fühlen und vielleicht sogar unbeschwert und ausgelassen tanzen können. Sobald die Alkoholwirkung nachlässt, das heißt sein Zug wieder
aus dem Tunnel herauskommt, fühlt er sich wieder normal, allerdings mit der Erinnerung an einen besonders schönen Abend mit Alkohol. Er hat nun gelernt: "Mit ein bisschen Alkohol fühlt man sich
besser". Von daher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass er beim nächsten Mal in der Diskothek wieder Alkohol trinken wird, ein kleines bisschen größer geworden als beim ersten Mal."

2. Gewöhnung

"Wenn nun dieser Jugendliche immer wieder in einer Diskothek Alkohol trinkt und auch anfängt, die hierbei gemachten guten Erfahrungen mit Alkohol auf ähnliche Situationen zu übertragen (zum Beispiel Kneipenbesuche, Partys, Familienfeste), dann entwickelt sich hieraus mit der Zeit eine feste Gewohnheit, in bestimmten Situationen Alkohol zu trinken. Er wird hierbei mit der Zeit auch immer größere Mengen Alkohol vertragen.
Nun werden Sie vielleicht mit Recht einwenden, dass diese Entwicklung bei der Mehrheit der Bevölkerung eintritt und daher doch unmöglich etwas mit dem Beginn einer Abhängigkeit zu tun haben könne. Das Problem bei der Ausbildung solcher Trinkgewohnheiten ist aber, dass sie auf Dauer nicht ohne Auswirkung auf den Zustand der Gleise in unserem Modell bleibt. Während das Gleis in den Tunnel durch häufige Benutzung blankgefahren wird, beginnt die Gleisabzweigung nach rechts infolge des seltenen Zugverkehrs langsam zu verrosten und zuzuwachsen.
Zur Verdeutlichung der sich allmählich herausbildenden Unterschiede zwischen beiden Strecken stellen Sie sich bitte einen Moment in ihrer Phantasie ein in der Sonne blitzendes Schnellzuggleis vor: Hier fahren die Züge schnell und absolut pünktlich nach Plan. Nun stellen Sie sich dagegen eine selten befahrene oder ganz stillgelegte Eisenbahnstrecke vor: Sollte sich auf dieses Gleis nach längerer Zeit doch einmal ein Zug verirren, so wird er langsam und vorsichtig fahren müssen, da die Gleiskörper zugewachsen oder durch Hindernisse blockiert sein können.
Entsprechend erlebt auch jeder, der einmal für eine bestimmte Zeit, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen, auf jeden Alkohol verzichten muss, wie ungewohnt und unbequem plötzlich viele Alltagssituationen werden können, in denen man normalerweise Alkohol trinkt. Das fängt schon an mit den lästigen Fragen oder Frotzeleien von Freunden oder Bekannten. Da ist der Umstand, dass man häufig nicht weiß, was man eigentlich statt Alkohol trinken soll. Und schließlich spielt einem das Unbewußte immer wieder einen Streich nach dem Motto: "Ich möchte ein Bier... äh... einen Apfelsaft." Nicht, dass man mit ein wenig Selbstbeherrschung und festem Willen nicht trotzdem abstinent leben könnte, es soll hier nur verdeutlicht werden, dass die Bildung jeder Gewohnheit automatisch dazu führt, dass alternative Verhaltensweisen seltener und damit immer ungewohnter und unangenehmer werden.
"

Abb. 2: Gewöhnung: Für den Betroffenen ist es normal, in bestimmten Situationen Alkohol zu trinken.

3. Abhängigkeit

"Wenn nun der Zug über lange Zeit ständig in den Tunnel fährt, dann ist die Gleisabzweigung nach rechts irgendwann derart zugewachsen und verwildert, dass für den ankommenden Zug gar nicht mehr erkennbar ist, dass hier überhaupt eine Weiche existiert. Er sieht dann nur noch die blankgefahrenen Schienen in den Tunnel verlaufen und folgt ihnen automatisch.

Dies ist der Moment, in dem wir von einer Suchtmittelabhängigkeit sprechen müssen. Denn selbst wenn der Zug sich fest vornimmt, künftig nicht mehr in den Tunnel zu fahren, er wird unweigerlich wieder im Tunnel mit Alkohol landen, da er keine Weiche mehr sieht. Es ist hierbei nicht so wichtig, ob der Betroffene einen Drang oder starkes Verlangen nach Alkohol verspürt oder ob er angibt, "einfach so" bzw. "automatisch" zu trinken. Entscheidend für die Tatsache einer Abhängigkeit ist vielmehr, dass der Betroffene sich mit seinem Suchtmittel im Kreis dreht, weil alle Alternativgleise mit
der Zeit ungewollt stillgelegt wurden. Mit der Zeit verfestigt sich dieser Teufelskreis noch zusätzlich dadurch, dass der Betroffene immer mehr Schuldgefühle wegen der Folgen seines Trinkens bekommt und die Fahrt in den Tunnel die einzige Möglichkeit wird, mit Hilfe von Alkohol oder Medikamenten wenigstens kurzfristig Erleichterung zu finden.
Es nützt ihm jetzt auch nicht mehr viel, wenn er versucht, "kontrolliert" oder einfach weniger Alkohol zu trinken. In diesem Fall würde er mit seinem Zug lediglich etwas langsamer und vorsichtiger in den Tunnel fahren. Die Weiche und Alternativgleise blieben aber weiterhin unsichtbar und damit unbefahrbar für ihn. Dies macht deutlich, warum "kontrolliertes Trinken" ab einem bestimmten Stadium einer Abhängigkeitsentwicklung keinen sinnvollen Lösungsweg mehr darstellt.
"

Abb. 37: Abhängigkeit: Der Betroffene trinkt automatisch, weil für ihn keine Alternativen mehr erkennbar sind.

"Wie Sie an dem Eisenbahn-Modell sehen können, braucht es also keine speziellen Gründe zur Entstehung einer Suchtmittelabhängigkeit. Im Prinzip kann vielmehr jeder Mensch durch den häufigen Konsum von Alkohol oder Medikamenten mit Sucht-potential abhängig werden, indem sein "Trinkgleis" mit der Zeit immer blanker gefahren wird, während seine Alternativgleise und Weichen immer weniger sichtbar für ihn werden. Dagegen hängt es sehr wohl vom Betroffenen und seiner persönlichen Umgebung ab, wie schnell dieser Prozess abläuft. Beispielsweise können folgende Bedingungen in unserem Eisenbahnmodell die Entstehung einer Abhängigkeit beschleunigen:"

- Geschwindigkeit des Zuges
"Je höher die Geschwindigkeit ist, mit der ein Zug fährt, desto eher können Weichen und Alternativgleise übersehen werden. Dies trifft beispielsweise auf Menschen zu, bei denen immer alles reibungslos klappen muss und die bei Störungen schnell ungeduldig, nervös oder aggressiv werden. Man sagt dann, die Betreffenden verfügen über wenig Selbstkontrolle oder Frustrationstoleranz, sie können unangenehme Zustände nur schlecht ertragen und Belohnungen nicht lange aufschieben.
"

- Klima und Wetterlage
"In einem tropisch feuchten Klima wird ein selten befahrenes Alternativgleis besonders schnell dschungelartig zuwuchern. Auch bei geringer Sichtweite durch Nebel oder bei starkem Regen werden Alternativgleise und die Weiche eher übersehen. Entsprechend kann ein bestimmtes soziales Umfeld die Entstehung von Alkohol-oder Medikamentenabhäflgigkeit beschleunigen. Beispielsweise wird man im feuchtfröhlichefl Kreis von Tnnkkumpanefl oder in einer Clique mit hohen Trinknormen in besonderer Weise im riskanten Umgang mit Alkohol ebenso bestärkt, wie durch das schlechte "Vorbild" von Eltern, die selbst Probleme im Umgang mit Alkohol haben. Auch das gutgemeinte "Decken", Verharmlosen oder NichtwahrhabenwOllefl durch Familienmitglieder oder Bekannte kann beim

Betroffenen den Blick für die eigene Situation trüben und damit eine AbhängigkeitsefltWick lung begünstigen. Hier sind schließlich auch solche Ärzte zu nennen, die einem Betroffenen immer neue Medikamente zur Bewältigung psychischer Probleme verschreiben."

- Beschaffenheit der Alternativgleise
"Ein bereits ursprünglich wenig solides, sondern lediglich hastig und billig angelegtes Alternativgleis wird bei seltener Benutzung besonders schnell verrotten und zuwachsen. Entsprechend können jene Menschen besonders schnell in eine Suchtmittelabhängigkeit geraten, die sich nüchtern in bestimmten Situationen unsicher oder hilflos fühlen, da sie über keine ausreichenden Bewältigungs- oder Konfiiktlösestrategiefl verfügen. In ähnlicher Weise kann für Jugendliche, die lediglich über ein passives oder wenig abwechslungsreiChes Freizeitverhaltefl verfügen, das Trinken von Alkohol schnell zur "Hauptbeschäftigung" werden. Und schließlich besteht für körperlich frühentwickelte Mädchen ein besonderes Suchtrisiko, wenn sie versuchen, ihre sozusagen nicht so schnell "mitgewachsene" Selbstsicherheit mit Alkohol zu kompensieren.

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, sei aber an dieser Stelle nochmals ausdrücklich betont, daß all dies keine Gründe für die Entstehung einer Suchtmittelabhäflgigkeit, sondern lediglich Bedingungen für ihre Beschleunigung sind. Inwieweit es gelingt, diese Rahmen-bedingungen in günstiger Weise zu verändern, ist allerdings von zentraler Bedeutung für den Erfolg einer Abhängigkeitsbehandlung."

(Quelle für das Zugmodell und den dazugehörigen Text: Johannes Lindenmeyer: "Lieber schlau als blau"; 1996
Psychologie Verlags Union)